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09.10.2025 – 16.08.2026

Ausstellung 'X-RAY - Die Macht des Röntgenblicks' im Weltkulturerbe Völklinger Hütte

X-RAY ist die erste Ausstellung überhaupt, die sich umfassend dem Phänomen der Röntgenstrahlen und den zahlreichen kulturellen und künstlerischen Aspekten des Röntgenblicks widmet. Auf der Basis des weiten Spektrums der Röntgentechnik – vom ersten Röntgenbild über historische Röntgengeräte der Medizin und Naturwissenschaften bis hin zum aktuellsten Röntgen-Satelliten der Weltraumforschung – beleuchtet die Schau insbesondere die kreativen Wechselwirkungen des Röntgenblicks in Kunst und Kulturgeschichte, Politik, Natur, Literatur und Architektur, Musik, Mode und Kino.

Am 8. November 2025 ist es auf den Tag genau 130 Jahre her, dass Wilhelm Conrad Röntgen in seinem Würzburger Labor die X-Strahlen erstmals bewusst als bislang unbekanntes Phänomen wahrnimmt. Nur wenige Wochen danach verbreitet sich diese bahnbrechende Entdeckung wie ein Lauffeuer um den Erdball und inspiriert nicht nur Wissenschaftler:innen, sondern sofort auch bildende Künstler, Musiker, Filmemacher und Karikaturisten.

Diese Faszination ist bis heute ungebrochen, wie der als Erlebnislandschaft gestaltete X-RAY-Parcours zu zeigen vermag: Er vereint in der Industriekathedrale der Gebläsehalle eine Röntgen-Kapelle von Wim Delvoye ebenso wie ein transparentes Backstein-Labyrinth von Cris Bierrenbach, einen Catwalk mit Röntgen-Mode und ein Kino für X-RAY-Filme. In 18 Kapiteln entfaltet sich ein höchst welthaltiges Panorama der Moderne und Gegenwart: Marie Curie trifft hier auf Claude Cahun, Frida Kahlo, Isa Genzken und Iris van Herpen; John Heartfield auf Edvard Munch, Mies van der Rohe, Thomas Mann und William Wegman. X-RAY macht das Unsichtbare sichtbar und Kunst und Wissenschaft zum Erlebnis.

„Röntgenstrahlen durchdringen unsere Moderne und Gegenwart auf ganz besondere Art und Weise: Dank ihrer erfahren wir Medizin, Politik, Geschichte, Kunst und Natur, ja selbst Geschlechterrollen neu. Wir blicken buchstäblich auf sonst verborgene Tiefenschichten unser selbst und unserer Umwelt – von den Molekülen und Kodierungen unserer Körper bis hin zu den entferntesten Galaxien des Weltraums“, so Kurator Dr. Ralf Beil.

GESCHICHTE UND GEGENWART DER RÖNTGENSTRAHLEN

Innerhalb kürzester Zeit hatte sich ab Ende 1895 die Erfindung der neuen, ins Unsichtbare vordringenden Strahlen weltweit verbreitet und einen Sturm der Begeisterung bei Physikern, Medizinern und einem interessierten Publikum entfesselt. Nach dem Fund am 8. November 1895 versandte Wilhelm Conrad Röntgen Sonderdrucke in fünf Sprachen mit einer genauen Beschreibung seiner Versuchsanordnung, so dass in unzähligen, gleich ausgestatteten Labors von Buenos Aires über Wien, St. Petersburg, Calcutta bis Melbourne die Erzeugung der Strahlen und Bilder von durchleuchteten Objekten wiederholt wurden. Der von einem Tag zum anderen berühmt gewordene Forscher verzichtete in einer frühen Form von Open Access auf die Patentrechte, was für die Verbreitung der wundersamen Strahlen ausgesprochen förderlich war – und ihm 1901 den erstmals vergebenen Nobelpreis für Physik einbrachte.

Röntgenstrahlen sind das greifbarste Ergebnis der Suche nach dem Unsichtbaren um 1900. Spekulative Vorläufer in den Jahrzehnten davor zeigen, dass der Wunsch danach weit verbreitet war. In einer Geschichte von Kurd Laßwitz, dem Begründer der deutschsprachigen Science-Fiction, entwickelt ein Privatgelehrter das Diaphot, eine Substanz, die den Körper transparent macht. 1892 erscheint unter dem Pseudonym Philander der Roman „Elektra“. Daraus stammt der vielzitierte Wunsch eines Landarztes: „Ach... wenn es doch ein Mittel gäbe, den Menschen durchsichtig zu machen wie eine Qualle.“

Im Jahr der Entdeckung der Röntgenstrahlen 1895 verwendet Sigmund Freud erstmals den Begriff „Psychoanalyse“, mit welcher er in die Tiefenschichten der Träume und des Unbewussten vordringen wird. Ebenfalls 1895 wird der erste kommerzielle Film im Bioskopformat in Berlin aufgeführt und schon 1897 führt G.A. Smith in seinem Kurzfilm „X-Rays“ mit einem Liebespaar als Protagonisten Kino und Röntgenstrahlen spielerisch zusammen. In eben dieser Zeit entdecken Bakteriologen eine bis dato unbekannte „Lebensform“: die Viren. Eros, Techne (griech. für Kunst, Wissenschaft, Technik) und Thanatos sind von Anbeginn fundamental mit dem Röntgenblick verbunden.

Die Ausstellung X-RAY zeigt das weite Spektrum der Röntgentechnik und ihrer Anwendungen von den ersten Röntgenbildern und Laboraufbauten über historische Röntgengeräte, den Kristallographen der Materialforschung und das Pedoskop, mit dem man ab 1920 die passenden Schuhgrößen ermittelte, bis hin zu Röntgen-Satelliten wie eROSITA, die heute schwarze Löcher sowie Galaxien im Weltraum erforschen.

Ob Nah- oder Fernsicht, im Zentrum steht immer die Durchleuchtung von unbelebter wie belebter Materie. Ikonisch wird der Röntgenblick im „Gläsernen Menschen“, entwickelt Ende der 1920er Jahre vom Deutschen Hygiene-Museum Dresden, der den komplexen Aufbau des menschlichen Körperinneren exemplarisch sichtbar werden lässt.

Die bildgebenden Verfahren der Röntgentechnik haben sich immer mehr verbessert – bis hin zur Computertomographie (CT) mit der Möglichkeit der Erzeugung dreidimensionaler Daten. Bei Untersuchungen wird die früher massive und gesundheitsgefährdende Strahlenbelastung heute so gering wie möglich gehalten. Während die Radiologie zur immer wieder weiterentwickelten Routine geworden ist, zeigen sich kulturelle Akteur:innen bis in die Gegenwart in unterschiedlichster Weise vom Phänomen der X-Strahlen fasziniert.

Die kreativen Mittel der weltweit aktiven Künstler:innen, die Werke durch Röntgenstrahlen, mit Röntgenbildern oder inspiriert vom Röntgenblick geschaffen haben, reichen vom Einsatz originaler Röntgenbilder, die zugeschnitten, übermalt, durch unterschiedliche Materialien und Farben bearbeitet, ergänzt und collagiert werden, über digitale Vergrößerungen, die als Vorlagen für Glasfenster verwendet werden, bis hin zu grafischen Simulationen des Phänomens. Radiologische Motive tauchen in Gemälden, Skulpturen und Grafiken auf. Totenschädel als Vanitas-Motiv und Skelette setzen die lange Tradition des Memento Mori und Totentanzes auf ganz eigene Art fort.

Röntgenbilder zeichnen sich als Bildträger durch Verfremdung, schattenhaften Entzug der dreidimensionalen Räumlichkeit, metaphorisch durch das Sichtbarmachen des Unsichtbaren und verborgener Strukturen aus, also durch eine Abkehr von der traditionellen, realistisch-mimetischen Wiedergabe der Wirklichkeit. Auch deshalb wird dieses Medium, entwickelt an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, zum Signum moderner wie gegenwärtiger Kunst.

Besonders deutlich wird der Verzicht auf das gewohnte Menschenbild, wenn, beginnend mit Meret Oppenheim, Röntgenaufnahmen von Schädeln und Körpern als Selbstporträts vorgestellt werden. Unter der Oberfläche zeigt sich eine gänzlich andere individuelle (oder gerade überindividuelle) Identität. Der Einfluss der Röntgenbilder reicht jedoch weit über die bildende Kunst hinaus. Die radiologische Ästhetik erstreckt sich von Architektur über Mode und Werbung bis hin zu Karikaturen und Comics.
Röntgenbilder und der damit verbundene Röntgenblick finden sich als das Leben und den Alltag durchdringende Zitate in der Literatur und werden mitunter sogar zu Handlungsträgern in Film und Fernsehen.

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